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Intensivpädagogisches Lager in Teufen vom 18. – 24.08.2016

30/08/2016

Ohnmächtig aber nicht handlungsunfähig

Im Rahmen eines Intensivpädagogischen Lagers durfte ich mit D.S und drei Jugendlichen in Teufen (AR) eine Woche lang miterleben, was es für einen Jugendlichen heisst, mit Regeln und deren Konsequenzen konfrontiert zu werden.

Immer wieder wird der Neuhof mit der Situation konfrontiert, dass Jugendliche die Strukturen und Regeln unserer Institution so weit ausreizen, dass Konsequenzen nicht die geringste Wirkung zeigen. Denn, wenn keinerlei Regelakzeptanz vorliegt, können zu erwartende Konsequenzen auch keine Folgenabschätzung hervorrufen, oder die Jugendlichen wollen keine Verantwortung für ihr Handeln übernehmen und entziehen sich den Konsequenzen. In diesem Fall entsteht innerhalb der Institution eine Ohnmacht. Soll heissen, wenn ein Jugendlicher strickt die Kooperation verweigert, und die Sanktionen nicht in Bezug auf sein Verhalten versteht, sind uns im Rahmen der institutionellen Strukturen die Hände gebunden. So kann beim Jugendlichen keine intrinsische Motivation entstehen, die Regeln anzuerkennen. Werden sie nur befolgt, weil sie von uns verlangt werden, setzt sich der Jugendliche damit in eine Opferrolle.

Um dieser Ohnmacht, innerhalb der Institution, zu entgehen, erweitern wir unseren Handlungsraum, indem wir die Jugendlichen ausserhalb der Institution, im Rahmen eines Intensivpädagogischen Lagers konfrontieren. Über Konfrontation und Erlebnispädagogische Elemente, soll ein Regelverständnis erarbeitet werden. Aus dem erlernten Regelverständnis kann sich dann eine Folgenabschätzung entwickeln. Das Ziel ist, dass die Jugendlichen die Konsequenzen schlüssig auf ihr eigenes Verhalten beziehen können. Der Leitsatz des Lagers lautete: „Was sind meine Ziele, und was bin ich bereit, dafür zu tun?“  

Sich nach einer zweistündigen Wanderung auf eine Militärplane setzen, ganz allein, isoliert von Kollegen, von Handys, vom Verkehr, von Ablenkung. Inmitten von Bäumen, die Wolken ziehen langsam am Himmel vorbei. Keine Uhr. Kein Zeitgefühl.  Langsam zur Ruhe kommen, die Gedanken sammeln, ganz bei sich sein. So sieht das erste Solo der Woche aus. Ausgerüstet mit Stift und Papier, etwas Verpflegung und einem Auftrag: „Überlegt euch doch mal, was eure Träume sind, was ihr erreichen wollt in eurem Leben, in ferner Zukunft. Überlegt euch, was ihr in den nächsten eins bis zwei Jahren schaffen wollt, zum Beispiel einen Lehrabschluss. Überlegt euch, was eure Ziele sind für die nächste Zeit, heute, diese Woche, diesen Monat. Und schreibt eure Ziele auf“. Eineinhalb Stunden später werden die Jugendlichen an ihrem Platz aufgesucht und die ausgefüllten Kärtchen eingesammelt. Es folgen ein zweistündiger Fussmarsch und die Auswertung des Solos. Anhand von simplen Alltagsbeispielen kristallisiert sich nach und nach die Quintessenz heraus, dass Regeln ein angenehmes Zusammenleben ermöglichen. Und, dass jede Handlung, beziehungsweise Befolgen oder Brechen der Regel eine Konsequenz nach sich zieht. Jeder ist für seine Handlungen und deren Konsequenzen selber verantwortlich.

Aushalten, aushalten, aushalten
Eine Veränderung der Einstellung lässt sich nicht ohne Widerstand herbeiführen. Die Konfrontation mit der ihnen auferlegte Eigenverantwortung löst bei den Jugendlichen die unterschiedlichsten Gefühle und Verhaltensweisen aus. Nichtwahrhaben, Aussichtslosigkeit, Frustration, Selbstzweifel, Schuldzuweisung, Resignation, Aggressivität, Rückzug, ein Wechselbad der Gefühle. Plötzlich kippt die Stimmung. Bald schon wird das gesamte Lagerprogramm boykottiert. Die Bereitschaft verweigert, Machtkämpfe angezettelt. Aushalten. Die Stimmung liegt auf dem Tiefpunkt. Die folgenden Stunden sind von Mühseligkeit begleitet, der Einkauf eine Tortur. „Schliesst bitte auf, wir sind als Gruppe da“. Aushalten. „Die Sozis sind nur da um uns zu bestrafen“. Aushalten.

Von der eigenen Haltung abzuweichen, würde die Jungs nur in ihrem Verhalten bestärken, und ihnen eine falsche Problemlösung vermitteln. Da heisst es auszuhalten und trotzdem die Bereitschaft zeigen, mit ihnen zu arbeiten. Anschuldigungen, Fehlbenehmen, die schlechte Stimmung hinunterschlucken. Immer wieder über seinen eigenen Schatten springen und die Hand reichen. Am Abend sind wir alle todmüde, und kriechen in den Schlafsack.

Am nächsten Tag werden am See Niedrigseilaufbauten errichtet. Der Parcours beginnt sehr einfach und steigert sich über schwer bis hin zu unmöglich. Die einzige Möglichkeit, den gesamten Parcours zu lösen, besteht darin, Hilfe von aussen anzunehmen. Es werden Parallelen gezogen zu Herausforderungen im Leben. Die Zeit auf dem Neuhof, der Austritt, die Lehre.

Der Fluss des Lebens
Am Ufer der Sitter setzten wir uns in die Kiesbänke und lösten verschiedene Aufgaben, wie zum Beispiel eine Bogenbrücke aus Steinen zu bauen oder Steintürme mit mindestens 20 Steinen zu errichten. Nach dem lockeren Teil wurde der Auftrag erteilt, sich jeweils alleine ans Ufer zu setzen, sich mit seiner Lebensgeschichte auseinanderzusetzen und diese bildnerisch auf Papier zu bringen. Mit allen Umwegen, mit Verzweigungen, mit Steinen im Weg, mit Strudeln und Schleusen. Die zweite Hälfte des Papiers soll den weiteren Fluss des Lebens darstellen. Die Zukunft, die Ziele.

Was genau dieses intensive Lager bei den Jugendlichen ausgelöst und bewirkt hat, ist schwer vorzuweisen. Sicher bleibt ihnen eine Erinnerung und vielleicht fällt es ihnen in Zukunft leichter, Entscheidungen für sich zu treffen und ihren Weg zu gehen.

Stefan Ryter
Sozial- und Erlebnispädagoge

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